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Berlin. FDP-Generalsekretär DIRK NIEBEL gab der
„Nordwest-Zeitung“ (Samstag-Ausgabe) das folgende Interview. Die Fragen
stellte ANDREAS HERHOLZ:
Frage: Der angekündigte Bruch der Großen Koalition in Kiel - für die FDP
ein willkommenes Wahlkampfgeschenk, oder?
NIEBEL: Das Platzen der großen Koalition in Schleswig-Holstein zeigt jedem,
dass diese Art Regierungsform in Deutschland nicht zukunftsfähig ist. Sie
wird höheren Ansprüchen nicht gerecht, in Kiel wie in Berlin.
Frage: Ihr Parteichef Westerwelle spricht von einem bundespolitischen
Fanal, andere sehen darin eher eine Provinzposse.
NIEBEL: Natürlich hat das auch eine bundespolitische Wirkung. Der
Zickenkrieg an der Förde ist die Lokalausgabe von dem, was wir schon lange
– mal leise, mal lauter - bei Union und SPD in Berlin erleben. Ich erinnere
an die permanenten Vorwürfe Franz Münteferings, Angela Merkel sei ihrer
Aufgabe nicht gewachsen. Es ist gut, wenn die Wählerinnen und Wähler nun
auch in Schleswig-Holstein für klare Verhältnisse sorgen können. Die SPD
wird es nicht lange durchstehen, aus Angst vor dem Wähler weiter an der
Macht zu kleben. Wenn die Sozialdemokraten den Weg für Neuwahlen nicht frei
machen wollen, müsste Ministerpräsident Carstensen die Vertrauensfrage
stellen. Den Bürgerinnen und Bürgern ist diese Hängepartie nicht länger
zuzumuten.
Frage: Union und FDP hoffen auf schwarz-gelbe Mehrheiten in Bundestag und
Bundesrat - würde dann durchregiert?
NIEBEL: Der Begriff 'Durchregieren' stammt nicht von uns. Angela Merkel
wird die Wortschöpfung wohl schon Leid tun. Aber wir brauchen eine
bürgerliche Mehrheit in Bundestag und Bundesrat, um die notwendige
Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft auf den Weg bringen zu können.
Frage: Die Union hat im Wahlprogramm eine klare Koalitionsaussage zugunsten
der FDP getroffen. Die Liberalen wollen dagegen alles bis kurz vor der
Bundestagswahl offen lassen. Warum drücken Sie sich vor einer klaren
Aussage?
NIEBEL: Einspruch! Wir sagen seit Monaten: Wir wollen eine bürgerliche
Regierung gemeinsam mit der Union. Bei der Union war es aber so: Kaum hatte
sie ihre Koalitionsaussage ins Programm geschrieben, haben mehrere
CDU-Führungsmitglieder öffentlich für Schwarz-Grün geworben. Und
immerwährende Freunde der großen Koalition gibt es da auch, weil es so
bequem ist. Die Union regiert ja mit den Grünen in Hamburg und mit der SPD
im Bund. Es bleibt also ein Wagnis, wenn man mit einer Stimme für die Union
eine bürgerliche Koalition bekommen will. Bei unserem Sonderparteitag kurz
vor der Bundestagswahl wird es eine formale Koalitionsaussage geben, auf
die man sich verlassen kann. Regieren um jeden Preis – das kommt für uns
nicht in Frage.
Frage: Beim Thema Steuerreform könnten Sie gemeinsame Sache mit der CSU
machen und die CDU zu schnellen und umfassenden Entlastungen drängen.
NIEBEL: Die Notwendigkeit, in Bayern eine Koalition mit der FDP eingehen zu
müssen, war ein heilsamer Schock für die CSU. Gerade war sie noch für 20
Steuererhöhungen mitverantwortlich – und plötzlich auf Steuersenkungskurs.
Wir verlassen uns auf die Kraft, mit der uns die Wähler ausstatten und
werden auf ein umfangreiches Sofortprogramm nach der Bundestagswahl
drängen. Dazu gehören auch schnelle und umfassende Steuererleichterungen.
Frage: Erst schießt die CSU gegen die CDU quer, jetzt sucht sie den
Schulterschluss. Ist der bayerische Löwe wieder handzahm geworden?
NIEBEL: Bei Horst Seehofer weiß man nie, ob er abends noch die gleiche
Position vertritt wie am Morgen. Dafür sorgt er jeden Tag neu.
Verlässlichkeit stelle ich mir anders vor. Aber in Bayern läuft die
Partnerschaft mit ihm ganz gut.
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