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Berlin. FDP-Generalsekretär DIRK NIEBEL gab dem
„Deutschlandfunk“ heute Mittag das folgende
Interview. Die Fragen stellte GERD BREKER:
Frage: Herr
Niebel, ist das für Sie eigentlich noch eine Frage, oder
eigentlich mehr eine Feststellung, ob diese Republik auf dem
Weg in die Staatswirtschaft ist?
NIEBEL: Sie ist
ausdrücklich auf dem Weg in die Staatswirtschaft und
deswegen wird es Zeit, auch wieder die Soziale Marktwirtschaft
mit einem vernünftigen Stellenwert zu versehen. Die
Soziale Marktwirtschaft ist das einzige lernende Gesellschafts-
und Wirtschaftssystem, das es gibt, und das System, das es über
einen weiten Zeitraum großen Teilen der Bevölkerung
ermöglicht hat, in Wohlstand zu leben. Sie bedarf eines
Anwalts und das will die FDP gerne sein.
Frage: Und
konkret heißt das, Sie hätten Opel nicht geholfen
und Sie würden und werden auch nicht zustimmen einer
Staatshilfe für Arcandor?
NIEBEL: Die FDP hat auf
Landesebene den Opel-Kompromiss mitgetragen, wohl wissend,
welche enormen Risiken damit einhergehen. Auf der anderen Seite
hat auch die FDP in Regierungsverantwortung immer versucht,
Unternehmen eine Brücke zu bauen, aber im Gegensatz zu
dem, was die Bundesregierung macht, haben wir immer den Blick
als Anwalt des Steuerzahlers auch auf die Folgen zu richten.
Man kann nicht große Unternehmen ständig mit
Staatshilfen unterstützen, während das Rückgrat
der Wirtschaft, die kleineren und mittelständischen
Betriebe, oftmals leer ausgehen. Deswegen ist es völlig
klar: Jedes Unternehmen hat das Recht, im Rahmen dessen, was
wir auch in der Vergangenheit schon vorgesehen haben, als
Bürgschaften und Staatshilfen, Anträge zu stellen,
und hat das Recht darauf, diese auch ordentlich geprüft zu
bekommen. Ich frage mich allerdings, warum ein großer
Konzern wie Arcandor da nicht vielleicht erst mal überlegt,
inwieweit er sich selbst sanieren kann, zum Beispiel durch den
Verkauf der außerordentlich profitablen Tourismussparte,
oder warum denn tatsächlich der Steuerzahler einspringen
muss, um das Privatvermögen einer wohlhabenden Familie zu
sichern.
Frage: Herr Niebel, auf Länderebene hat
die FDP zugestimmt. Heißt das, auf Länderebene
konnten Ihre Parteifreunde erkennen, dass diese Brücke,
von der Sie gerade gesprochen haben, gebaut wird?
NIEBEL:
Die Kolleginnen und Kollegen insbesondere auch in den Landtagen
von Hessen und Nordrhein-Westfalen haben darauf gedrungen, dass
eine Plausibilitätsprüfung des Konzeptes durchgeführt
wird, und dann ist es ein Abwägungsprozess, was sinnvoller
ist und was nicht, und diesen Abwägungsprozess haben sie
so getroffen, wie er jetzt getroffen wurde. Auf dieser Basis
vermute ich, dass sie davon ausgegangen sind, dass es der
bessere Weg ist, dass er zumindest gangbar ist. Auf jeden Fall
haben wir im Deutschen Bundestag noch mal deutlich gemacht,
dass die Risiken im Blick bleiben müssen, und es kann
nicht sein, dass der Staat jetzt für jedes
Management-Fehlverhalten mit Steuerzahlergeldern einspringt.
Das wird der teuerste Wahlkampf, den die Bundesrepublik jemals
gesehen hat.
Frage: Das heißt, Sie sind da
inhaltlich sehr nahe bei dem haushaltspolitischen Sprecher der
SPD-Fraktion Carsten Schneider, der das Gefühl hat, dass
manche Firmen das als Einladung verstehen, von der
Bundesregierung Subventionen abzuholen?
NIEBEL: Noch
viel mehr bin ich bei unserem haushaltspolitischen Sprecher,
der das ganz genauso sieht. Die Krise der Kaufhäuser ist
ja nicht jetzt durch die Finanzmarktkrise entstanden, sondern
die gab es schon wesentlich länger. Sie wäre ohne die
deutsche Einheit wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten
ausgebrochen und es ist tatsächlich nicht zwingend die
Aufgabe des Steuerzahlers einzuspringen, wenn ein Konzern die
falsche Geschäftspolitik verfolgt. Arcandor ist ein
Mischkonzern mit vielen profitablen Bereichen und ich denke,
wenn ein Konzern in einem Segment Schwierigkeiten hat, sollte
er zuerst einmal sehen, was er für sich selbst tun kann,
ehe er die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler zu Rate
zieht.
Frage: Also das Bitten um Staatshilfe im Falle
Arcandor, statt sich den Märkten anzupassen?
NIEBEL:
Das Bitten um Staatshilfe ist legitim. Es ist die Frage, ob der
Staat tatsächlich da einspringen muss. Wenn Arcandor in
seinem Gesamtkonzern nicht in der Lage ist, Finanzmittel
nutzbar zu machen, dann, glaube ich, wäre das ein großes
Problem für diesen Konzern, der ja zumindest in der
Tourismusbranche durchaus sehr schwarze Zahlen schreibt.
Darüber hinaus gehört Arcandor ja jemandem und es
kann nicht die Aufgabe der Steuerzahler sein, das
Privatvermögen der Familie Schickedanz
abzusichern.
Frage: Also Arcandor stirbt irgendwo auch
an der eigenen Größe?
NIEBEL: Ich glaube
nicht, dass Arcandor stirbt. Ich ahne, dass es überhaupt
kein Problem macht, einen Besitzerwechsel hier durchzuführen.
Nur wenn man sich nicht verändern will, dann mal nach dem
Staat zu rufen, dass er bestehende Strukturen absichert und
dadurch den Wettbewerb für andere auch entsprechend wieder
verzerrt, das hat für mich zu sehr den Hauch von
Holzmann.
Frage: Die Rufe nach dem Staat, sie werden ja
jetzt lauter und vielfältiger. Wie gefällt Ihnen
eigentlich Ihr Wunschkoalitionspartner nach der Bundestagswahl
in Berlin, wie verhält sich aus Ihrer Sicht die
CDU?
NIEBEL: Die CDU befindet sich stark auf einem Weg
der Sozialdemokratisierung. Ich habe das Gefühl, dass alle
Dämme eingerissen sind. Der Bundeswirtschaftsminister
macht da auch keine wirklich gute Figur. Er hat unmittelbar
nach Amtsantritt ein Enteignungsgesetz unterschrieben und hat
jetzt auch sich bei der Opel-Einigung nicht durchsetzen können.
Alleine den Finger zu heben und den Mund zu spitzen, dann aber
nicht zu pfeifen, das ist, glaube ich, kein Ausdruck von
ordnungspolitischer Klarheit.
Frage: Und die
Bundeskanzlerin, sie wendet sich immer den Mehrheiten
zu?
NIEBEL: Die Bundeskanzlerin versucht, erst mal keine
Position zu beziehen, weil sie meint, dass das leichter ist.
Persönlich bin ich der Ansicht, dass die Bürger
Klarheit verdient haben, und ich hoffe sehr, dass sie sich ganz
klar für den Weg der Sozialen Marktwirtschaft entscheidet.
Das ist das Erfolgsrezept der Geschichte unserer
Republik.
Frage: Und dazu müssen Sie dann Ihren
Wunschkoalitionspartner erst noch überzeugen, da
hinbringen?
NIEBEL: Unser liebster und wichtigster
Koalitionspartner sind die Bürgerinnen und Bürger. Je
stärker die uns machen, desto mehr können wir
durchsetzen.
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