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Berlin. Der FDP-Partei- und -Fraktionsvorsitzende DR. GUIDO
WESTERWELLE gab der „Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung “ das folgende Interview. Die Fragen
stellte WINAND VON PETERSDORFF-CAMPEN:
Frage: Es sind
verrückte Zeiten, Herr Westerwelle. Das neoliberale
Wirtschaftssystem scheint versagt zu haben. Die neoliberale
Partei aber hat so gute Umfragewerte wie selten.
WESTERWELLE:
Von welcher Partei reden Sie?
Frage: Ich rede von der
FDP.
WESTERWELLE: Ich kenne keine neoliberale Partei.
Ich kenne nur eine liberale Partei, die in Zeiten des
Linksrutsches der Volksparteien der letzte Verfechter der
Sozialen Marktwirtschaft ist. Wir setzen auf Maß und
Mitte, auf Mittelstand und Mittelschicht – und wenden uns
gegen die Exzesse der Gier.
Frage: Kauft man nicht Gier
und Exzesse mit, wenn man die Marktwirtschaft
bestellt?
WESTERWELLE: Nein. Gier und Exzesse finden Sie
in jedem Wirtschaftssystem. Aber in unserem System werden sie
aufgedeckt. In der Planwirtschaft, die offenbar immer mehr zum
Wirtschaftsmodell der anderen Parteien wird, werden Missetaten
unter den Teppich gekehrt. Das ist viel schlimmer.
Frage:
Einverstanden. Aber beweist die Finanzkrise nicht, dass auch
die Marktwirtschaft schwere Funktionsmängel hat?
WESTERWELLE: Sie beweist zunächst einmal ein
eklatantes Staatsversagen.
Frage: Wie
bitte?
WESTERWELLE: Amerika wollte Mittellosen zu
Hauseigentum verhelfen. Deutschland hat seine Bankenaufsicht
bis zur Unkenntlichkeit zersplittert. Beides nenne ich
Staatsversagen. Wir brauchen einen starken Staat, leider haben
wir einen fetten, der den Mittelstand mit Bürokratie
stranguliert und im Bankensektor zu lange von Blindheit
geschlagen war.
Frage: Die Finanzkrise scheint Ihr
wirtschaftsliberales Weltbild kein bisschen ins Wanken gebracht
zu haben.
WESTERWELLE: Richtig. Ich fühle mich
jede Woche mehr in meinem liberalen Weltbild bestärkt. Die
wichtigste Lehre aus der Finanzkrise ist doch, dass der Staat
als Regulierer und als Banker versagt hat. Staatliche
Landesbanken haben unkontrolliert in der Weltgeschichte
herumspekuliert, weil sie kein anderes Geschäftsmodell
mehr für sich finden konnten. Landesbanken haben die
größten Probleme – und werden sie leider zu
Lasten der Steuerzahler lösen.
Frage: Das größte
Problem macht allerdings eine private Bank: die Hypo Real
Estate.
WESTERWELLE: Diese Bank ist das beste Beispiel
für das Versagen der Regierung als Aufsicht. Offenbar hat
sie frühzeitig vorliegende Prüfberichte nicht zur
Kenntnis oder nicht ernst genug genommen. Der
Untersuchungsausschuss des Bundestages wird aufklären, ob
Organisationsversagen oder sogar System dahinter steckt. Im
schlimmsten Fall beträgt der Schaden für den
Steuerzahler immerhin bis zu 235 Milliarden Euro.
Frage:
Man hatte sich die Marktwirtschaft ein bisschen anders
vorgestellt. Zunächst rettet der Staat Finanzinstitute,
weil der Markt offenbar nicht funktioniert, dann rettet er auch
noch die Industrie.
WESTERWELLE: Um eines klar zu
stellen: Ich bin überhaupt nicht dagegen, wenn der Staat
systemische Banken stützt. Ich bin kein verbohrter
Ideologe. Wenn ein unermesslicher Flurschaden für die
ganze Gesellschaft droht, dann muss der Staat helfen.
Frage:
Zum Beispiel bei der Hypo Real Estate.
WESTERWELLE: Ja.
Aber helfen heißt eben nicht, die Eigentümer zu
enteignen. Enteignungen gehören zum Arsenal des
Sozialismus. Man hätte außenstehende HRE-Aktionäre
auch ohne Enteignung auf einen vernünftigen Weg bringen
können. Ab das war nicht gewollt.
Frage: Sie zielen
auf Angela Merkel und Peer Steinbrück.
WESTERWELLE:
Ich ziele auf die Bundesregierung. Ihr ganzes Krisenmanagement
im Fall HRE war eine Aneinanderreihung von Fehlentscheidungen.
Das begann, als der Bundesfinanzminister im Herbst 2008 den
Bundestagsfraktionen verkündete, das Institut müsse
gerettet und danach abgewickelt werden. Das hat die Bank dem
Verderben näher gebracht. Das setzte sich dann mit der
Enteignung fort. Peer Steinbrück hat ein einziges Fiasko
angerichtet.
Frage: Sie wollen dem Finanzminister
doch jetzt nicht die ganze Finanzkrise in die Schuhe
schieben?
WESTERWELLE: Nein. Aber ich will doch
feststellen, dass Sozialdemokraten von Oskar Lafontaine über
Hans Eichel bis Peer Steinbrück seit elf Jahren das
Finanzressort der Bundesregierung führen. Jede fehlende
Regulierung der Finanzmärkte hat die SPD in der Regierung
mit zu verantworten.
Frage: Ich würde gerne Ihre
marktwirtschaftliche Prinzipientreue testen, was das Retten von
Unternehmen angeht. Können wir ein paar Namen
durchdeklinieren?
WESTERWELLE: Bitte schön.
Frage:
Soll Arcandor gerettet werden?
WESTERWELLE: Ich
akzeptiere nicht, dass ein Staat einem Unternehmen blanko zur
Seite springt, das werthaltige Unternehmensbeteiligungen hat
und vermögende Gesellschafter. Das Vermögen muss
verwertet werden, die Gesellschafter müssen ihren Beitrag
leisten, sonst gibt es nichts. Es ist weder notwendig noch
geboten, dass Steuerzahler große Vermögen
retten.
Frage: Und wenn die Gesellschafter ihren Beitrag
leisten, soll der Staat helfen?
WESTERWELLE: Ich höre
von privaten Kaufinteressenten. Aber ich gebe doch hier als
Politiker keine Ferndiagnose ab. Das wäre anmaßend.
Ich kenne keine Arcandor-Zahlen, kein Zukunftskonzept.
Frage:
Man könnte ja auch prinzipiell Nein sagen.
WESTERWELLE:
Das wäre mir zu einfach, weil man die Eigentümer
nicht aus ihrer Verantwortung entlassen darf.
Frage:
Opel?
WESTERWELLE: Das ist geradezu ein Lehrstück
dafür, wie man es nicht macht. Die Regierung verprellt
Opel-Interessenten, um Magna durchzusetzen. Das drückt den
Preis. Und die einzige Begründung ist Wahlkampf. Wir
erleben den teuersten Wahlkampf aller Zeiten: Die Regierung
rettet nicht Opel, Opel soll die schwächelnden
Regierungsparteien über die Wahl retten. Absurd.
Frage:
Die FDP in Hessen und Nordrhein-Westfalen hat der Opelhilfe
zugestimmt.
WESTERWELLE: Sie hat Schlimmeres
verhindert.
Frage: Was denn?
WESTERWELLE: Wir
haben die Risiken für die Steuerzahler reduziert. Man kann
nicht aus einer Landesregierung dem deutschen Staatsschiff
einen neuen Kurs geben, dazu müssen wir in die
Bundesregierung.
Frage: Was ist mit Porsche? Das
Unternehmen hat einen Milliarden-Kredit bei der staatlichen
KfW-Bank beantragt.
WESTERWELLE: Nur weil Porsche tolle
Autos baut, kann ich die Lage nicht anders beurteilen als bei
den anderen Unternehmen.
Frage: Ein grundsätzliches
Nein zu Rettungssubventionen habe ich jetzt noch nicht
gehört.
WESTERWELLE: Keine Bange, Sie bekommen Ihre
Ordnungspolitik. Mich stört die Dax-Hörigkeit der
schwarz-roten Wirtschaftspolitik. Zu den Großunternehmen
kommen die Kanzlerin und der Außenminister. Dem
notleidenden Mittelstand hilft niemand. Dabei kommen von dort
30 Millionen Arbeitsplätze. Die Mittelschicht wird durch
Steuern und Bürokratie stranguliert, den Großen wird
geholfen. Ein Beispiel ist die völlig absurde
Abwrackprämie, mit der die Bundesregierung vielleicht dem
Verband der Automobilindustrie einen großen Gefallen
getan hat, während mittelständische
Gebrauchtwagenhändler und Autowerkstätten in den Ruin
getrieben werden.
Frage: Also, welche Politik statt
dessen?
WESTERWELLE: Die Grundsatzfrage lautet: Soll der
Staat tatsächlich weiter mit Milliardenschecks von
Großunternehmen zu Großunternehmen und von Branche
zu Branche ziehen? Wir sollten stattdessen mit strukturellen
Entlastungen endlich ein faires Steuersystem auf die Beine
stellen, das kleine und mittlere Unternehmen und die ganz
normalen Einkommen entlastet. Dafür kämpfen
wir.
Frage: Wenn wir schon grundsätzlich werden:
Immer mehr Menschen stellen die Wachstumslogik unseres
Wirtschaftssystem in Frage, zuletzt der Wissenschaftler
Meinhard Miegel im FAZ-Feuilleton.
WESTERWELLE: Ich habe
das Interview gelesen und war ziemlich überrascht. Diese
Lust an der Stagnation entspringt dem vollen Magen eines
Mitteleuropäers. Wir wollen doch nicht ernsthaft den 200
bis 300 Millionen Chinesen, die gerade in die Mittelschicht
aufgestiegen sind, jetzt sagen: Nun tretet mal ein bisschen
kürzer, das mit dem Wachstum war nicht so gemeint. Die
zeigen uns einen Vogel, weil sie die erste Generation sind, die
dreimal am Tag genug zu essen hat.
Frage: Die Europäer
scheinen sich nach Ruhe zu sehnen.
WESTERWELLE: Ist das
wirklich so? Wachstum und technischer Fortschritt helfen uns,
schwere Krankheiten zu bekämpfen. Darauf will ich nicht
verzichten. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, wie wir
Wachstum organisieren können, ohne unsere natürlichen
Ressourcen zu belasten. Präziser: Wie schaffen wir
Wachstum, das unsere Umwelt entlastet? Das ist eine der
Schlüsselfragen überhaupt. Die Stagnationspropheten
liefern dazu keine Antwort. Sie huldigen lieber einer naiven
Romantik, die allein ihrer Sattheit geschuldet ist.
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