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Berlin. FDP-Generalsekretär DIRK NIEBEL gab der „Berliner
Zeitung“ (heutige Ausgabe) das folgende Interview. Die
Fragen stellte SIGRID AVERESCH:
Frage: Herr Niebel, was
muss die Union tun, damit es bei der Bundestagswahl eine
gesicherte bürgerliche Mehrheit gibt?
NIEBEL: In
erster Linie mache ich mir Gedanken darüber, dass die FDP ein
gutes Ergebnis erzielt. Denn nur die FDP als Anwalt der
Mittelschicht ist der Garant für eine bürgerliche
Regierung. Die Union sollte nun von ihrem sozialdemokratischen
Kurs abkehren. Sonst verliert sie die konservative Wählerschaft,
die nicht zur FDP wechselt.
Frage: Was bedeutet Abkehr vom
sozialdemokratischen Kurs?
NIEBEL: Hätte man mir vor
einigen Monaten erzählt, dass eine Unions-geführte
Regierung innerhalb kürzester Zeit von Staatsbürgschaften
über Verstaatlichungen bis hin zur Enteignung kommt, hätte
ich den für verrückt gehalten. Dass die große
Koalition an ihrem Ende versucht, sich mit Steuermilliarden über
die Zeit zu retten, wird kein Wähler der Union honorieren.
Frage: Die Union feilt noch am Wahlprogramm. Was erhoffen
Sie sich davon?
NIEBEL: Die Union muss zur Kenntnis nehmen,
dass die Mittelschicht in Deutschland immer mehr schrumpft. Die
schwarz-rot regierende Union ist da mit Blindheit geschlagen.
Offenbar braucht sie einen Partner wie uns, der sie da bei der
Hand nimmt und in drei Bereichen sensibilisiert.
Frage: In
welchen?
NIEBEL: Da ist der wirtschaftliche Bereich.
Diejenigen, die arbeiten, müssen mehr von ihrem Geld übrig
behalten. Das zweite ist der Bildungsbereich. Wir brauchen
kräftige Investitionen in die Bildung. Der dritte Bereich
sind die Freiheitsrechte. Die schwarz-rote Regierung hat immer
mehr Eingriffe in die Bürgerrechte vorgenommen.
Frage:
Hoffen Sie darauf, dass die Union im Wahlprogramm Staatshilfen für
angeschlagene Firmen ausschließt?
NIEBEL: Hilfen für
Firmen gab es immer. Aber jetzt sind Dämme gebrochen, die
wieder zugeschüttet werden müssen. Es darf nicht ständig
in die Tasche der Steuerzahler gegriffen werden. Es muss klar
sein, dass - wie jetzt bei Arcandor - zuerst die Anteilseigner von
Unternehmen Verantwortung tragen. Sie müssen in die Pflicht
genommen werden. Es kann nicht Aufgabe des Bürgers sein, mit
Steuermitteln dafür zu sorgen, dass vermögende Familien
ihr Geld behalten. Es wäre ein Fingerzeig, wenn die Union im
Wahlprogramm die Soziale Marktwirtschaft detailliert wieder
beschreibt und künftige Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen
benennt.
Frage: Erwarten Sie ein stärkeres
öffentliches Bekenntnis der Bundeskanzlerin zu
Schwarz-Gelb?
NIEBEL: Die Union regiert mit uns in fünf
Bundesländern, auf Bundesebene mit der SPD und in Hamburg mit
den Grünen. Bei der Union kann man sich also nicht ganz
sicher sein, dass die Stimme nicht für andere Bündnisse
verwendet wird. Ich wünsche mir deshalb ein klares Bekenntnis
zur FDP. Auch die Bürger möchten von der Union wissen,
in welcher Konstellation sie regieren will. Denn eins ist klar: Es
kommt nicht nur auf die Kanzlerin an, sondern auch auf den
Partner. Beides zusammen ergibt ein Regierungsbündnis, dass
Deutschland erneuern kann.
Frage: Die FDP grenzt sich auch
stark von der Union ab. Muss sie nicht fürchten, dass die
Union die SPD als pflegeleichteren Partner favorisiert?
NIEBEL:
Es gibt sicherlich einige Politiker, die es sich in der großen
Koalition gemütlich gemacht haben. Deshalb kommt es auf die
FDP an. Sie muss so stark werden, dass die Fortsetzung der großen
Koalition oder eine Linksregierung unmöglich wird.
Frage:
Halten Sie eine Jamaika- oder Ampelkoalition für
denkbar?
NIEBEL: Die Grünen haben Schwarz-Gelb-Grün
ausgeschlossen. Für eine Ampelkoalition wiederum sehe ich
keine Schnittmenge: SPD und Grüne wollen Steuern erhöhen,
wir wollen sie senken.
Frage: Was erhoffen Sie sich von
der Union im Verhältnis zur FDP?
NIEBEL: Ich erwarte
von allen konkurrierenden Parteien, dass sie bei aller notwendigen
Sachauseinandersetzung zu einem menschlich fairen Wahlkampf
zurückkehren. Die Deutschen wollen keinen Schmuddelwahlkampf.
Frage: Sie spielen auf einen CDU-Abgeordneten an, der
Silvana Koch-Mehrin als arbeitsscheu darstellte.
NIEBEL:
Es gehört sich nicht, unter die Gürtellinie zu treten.
Als Vater von drei Kindern sage ich, was unsere Spitzenkandidatin
nicht selbst sagen kann: Sie hat drei kleine Töchter, in der
letzten Legislaturperiode zwei Kinder bekommen und eines verloren.
Dennoch hat sie es besser als andere geschafft, dass das
Europäische Parlament wahrgenommen wird. Das ist
anerkennenswert und darf nicht mit einer miesen Kampagne schlecht
gemacht werden.
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